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Interview for "Artline" (Switzerland) about "Face to Facebook" and  "Hacking Monopolism Trilogy" 2011. 

Die Daten-Bildhauer

Artline: Wie konnten Facebook-User herausfinden, ob sich ihre Daten während der Transmediale Berlin auf Ihrer Dating-Plattform befanden?

Paolo Cirio: Wir haben die Seite lediglich durch eine Pressemitteilung bekannt gemacht, den Rest taten die Medien. Dabei war sie nicht einmal bei Google aufgeführt, so dass die meisten Besucher, die sich oder ihre Freunde dort fanden, über die Seite unseres Kunstprojekts face-to-facebook.net dorthin gelangten. Die meisten suchten ihre Namen. Ich war überrascht, wie wenig kommentiert wurde, dass Facebook permanent mit Benutzerdaten handelt und zwar mit viel heikleren Unternehmungen als mit einer unbekannten Online-Partnerbörse. Die Möglichkeit, dass auch biometrische Daten von Facebook verkauft werden, besteht, denn so lustig unsere Aktion letztendlich war, sie sollte auch eine Frühwarnung sein.


Artline: Warum haben Sie das Konzept einer Partnerbörse gewählt, um die aus dem Netz herunter geladenen öffentlichen Daten von Facebook in eine neue Ordnung zu bringen?

Cirio: Beim Brainstorming zu diesem Projekt vor Jahren, dachten wir sofort an den Bereich sexueller Kontakte. Zuerst dachten wir an eine Kampagne mit Postern, die in den Stadteilen aufgehängt werden sollten, in denen die Leute leben. Eines Morgens hätte man sich so auf einem realen Plakat wieder gefunden, auf dem man sich für ein Date anbietet. Technisch ist es möglich, Menschen so genau zu lokalisieren, aber es wäre zu teuer geworden. Und die Idee ohne Wissen auf einer Dating-Seite zu stehen, löst intime Fantasien aus und ist zugleich so sarkastisch, dass sie uns geeignet schien.

Es scheint immer weniger Zeit und Raum dafür zu geben, sich zwanglos kennen zu lernen. Stattdessen gibt es immer mehr Konkurrenzverhalten und Kontrolle, sogar an Orten, für die wir viel zahlen, um uns dort aufhalten zu können. Doch die Suche nach alternativen Räumen im Netz endet schnell in der Enttäuschung, dass auch hier Konkurrenz, soziale Verarmung, Misstrauen und eingeschränkte Freiheit vorherrschen.


Artline: Wie würden Sie den künstlerischen Anspruch von „Face to Facebook" und „lovely-faces" beschreiben?

Cirio: Künstlerisch diente dieser nicht wiederholbare Auftritt dazu, ein Publikum in eine Handlungsstruktur einzubeziehen. Das Experiment sollte die Grenzen von Sprache und Ausdruck mit neuen Medien erweitern. Dabei kann ich mich kaum an ein Kunstwerk erinnern, das als Parodie einer bestehenden totalitären Macht binnen einer Woche Millionen von Menschen zum Nachdenken und Verändern ihres Verhaltens angeregt hat. Es war definitiv eine heilsame Schocktherapie. Als Künstler geht es mir dabei weniger um den Gegenstand, als um den Prozess. Ich sehe mich als einen Daten-Bildhauer. Denn Informationen sind ja tatsächlich ein formbares Rohmaterial, das zu unerwarteten Formen gestaltet werden kann. Spannend dabei ist, dass die ursprünglich innewohnenden Eigenschaften nicht verloren gehen. Im Fall von Informationen, ist es die Fähigkeit, die Gesellschaft machtvoll zu beeinflussen.


Artline: Sie haben noch zwei weitere Projekte gemacht. „Google Will Eat It­self" und „Amazon Noir" nennen Sie zusammen mit „Face to Facebook" bzw. „lovely-faces": „The Hacking Monopolism Trilogy". Wo liegen die Ähnlichkeiten und Unterschiede der einzelnen Projekte?

Cirio: Wir wollten den undemokratischen Umgang mit öffentlichem Wissen zeigen, das Unternehmen rücksichtslos ausbeuten, indem sie behaupten, dass ihnen diese Informationen gehörten. Dabei müssten sie frei und demokratisch für jeden zugänglich sein. Wir haben bei allen drei Projekten Sicherheitslücken genutzt, um die Methoden der jeweiligen Firmen gegen sie selbst zu richten. Um dann über mediale Aufmerksamkeit das Bewusstsein gegenüber diesen Informationsmonopole zu erhöhen.


Artline: Das Medienecho war groß. Wie reagierte Facebook auf Ihre Aktion?

Cirio: Eine weitere unsinnige Forderung von Facebook ist die Rückgabe der von uns angeblich „gestohlenen" Daten. Dabei gaben die Nutzer ihr formelles Einverständnis, diese Daten öffentlich zu machen. Wenn es also öffentliche Daten sind, was verlangen sie dann zurück? Wir sind Künstler und machen Kunst und wollen Menschen auf ihre Bedingtheiten aufmerksam machen.




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